Univ.-Prof. Dr. Joseph Hyrtl

Sein Vater war Oboist in der Fürstlich Esterházyschen Hofkapelle in Eisenstadt. Er stammte aus Krems, die Mutter, geborene Leger, aus Wilhelmsburg. Joseph war das vierte Kind der Familie. Josephs Bruder Jakob wurde ein bekannter Kupferstecher, verarmte aber im Alter. 1813 zog die Familie nach Auflösung des großen Orchesters in Eisenstadt nach Wien. Der Vater wurde Orchestermitglied am Theater in der Leopoldstadt. Hyrtl wurde Sängerknabe, lebte im Konvikt und erhielt dort seine Ausbildung. 1831 begann er sein Medizinstudium in Wien. Schon als Student machte er seine Professoren auf sich aufmerksam. 1833 wurde er Prosektor der Anatomie und schon 1835 erfolgte seine Promotion. Er wurde Assistent von Joseph Julius Czermak und gab Kurse in Anatomie für Studenten und in praktischer Anatomie für Physiologen. Er war auch als praktischer Chirurg tätig und konnte das Schielen in einer wenige Minuten dauernden Operation heilen. 1837 wurde er – mit erst 26 Jahren – Professor für Anatomie an der Karls-Universität in Prag. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. 1845 wurde er als Ordinarius für Anatomie nach Wien berufen.

Seine wichtigsten Werke waren das „Lehrbuch der Anatomie des Menschen mit Rücksicht auf physiologische Begründung und praktische Anwendung“, das in fast alle Kultursprachen übersetzt wurde, und das „Handbuch der topographischen Anatomie“, das zu einem der wichtigsten Lehrbücher der Medizin wurde. Nahezu 200 Arbeiten schrieb Hyrtl. 1850 gründete er in Wien das Museum für vergleichende Anatomie. Das von Gerard van Swieten im Jahr 1745 gegründete „Museum für menschliche Anatomie“ baute er aus. Viele Museen weltweit versorgte er mit anatomischen Präparaten, die er größtenteils eigenhändig anfertigte. Ein großer Teil seiner wertvollen Sammlung verbrannte 1848, als Aufständische in die Jägerzeile, wo Hyrtl wohnte, eindrangen.

Im Jahr 1856 wurde Hyrtl zum Mitglied der Leopoldina, 1859 zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften und 1860 in die American Philosophical Society aufgenommen. Seit 1857 war er korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, 1859 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Russische Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg aufgenommen. In Frankreich wurde er Mitglied der Ehrenlegion. Er erhielt zahlreiche Orden und Auszeichnungen. 1880 wurde er Ehrenbürger von Eisenstadt. 1890 ernannte die Gesellschaft der Ärzte in Wien Joseph Hyrtl zum Ehrenmitglied.

1864 wurde er anlässlich des 500-jährigen Bestehens der Wiener Universität gegen den Willen seiner Fakultät zum Rektor ernannt, weil er die Universität als berühmtester Professor vertreten sollte. Seine Inaugurationsrede über „Die materialistische Weltanschauung unserer Zeit“ erregte großes Aufsehen. Der anscheinend tief religiöse Hyrtl wurde einer „klerikalen Gesinnung“ beschuldigt. In den 1860er-Jahren lernte er die deutsche Dichterin Auguste Maria Conrad, geb. Freifrau von Gaffron-Oberstradam, kennen. Sie bezeichnete sich 1869, als er in Perchtoldsdorf eine Villa erwarb, bereits als seine Frau, obwohl sie damals noch mit Conrad verheiratet war. Erst nach dem Tod Conrads konnten die beiden im Jahr 1870 in Wien-Alsergrund heiraten. Im Jahr 1874 legte er wegen zunehmender Sehschwäche sein Lehramt und alle seine Ämter nieder und zog sich mit seiner Frau in das Haus in Perchtoldsdorf zurück. 

Hyrtl hinterließ ein riesiges Vermögen von 600.000 Gulden. Der Universität schenkte er einen Geldbetrag von 40.000 Gulden, aus dessen Zinsertrag pro Jahr vier Studenten unterstützt werden sollten. Einen Großteil des Vermögens vermachte er der von ihm in Perchtoldsdorf gegründeten Kinderbewahranstalt (Waisenhaus). Die Stiftung in Perchtoldsdorf wurde vom Land Niederösterreich übernommen und seither verwaltet. Ziel der Stiftung war und ist es, Waisen und Bedürftige mit österreichischer Staatsbürgerschaft, die in einer niederösterreichischen Gemeinde wohnen, vorwiegend aus dem Raum Mödling, zu unterstützen. Begraben ist Joseph Hyrtl in einem Ehrengrab des Perchtoldsdorfer Friedhofs. In Wien-Ottakring wurde die Hyrtlgasse, in Eisenstadt ein Platz nach ihm benannt.

Aus der Inaugurationsrede:

„So will ich denn das Wort in einer Sache führen, deren täglich zunehmende Bedeutung jede Richtung menschlichen Wissens und Forschens tief und mächtig ergreift, und deren Lösung so recht eigentlich dem gelehrten Bunde anheimfällt, wie er in der Universität gegeben ist, die jetzt auf mich hört; – ich meine: die materialistische Weltanschauung unserer Zeit. Sie spricht sich nicht mehr aus mit dem frivolen Spott Voltaires und Condillacs, sie strebt nicht mehr mit dem deklamatorischen Prunke der Enzyklopädisten unbefangene Herzen zu gewinnen, sie ist herausgetreten aus der langen innegehaltenen Bahn eines dogmatischen Systems und ist aggressiv geworden gegen alle, welche anders denken. Ihre Beredsamkeit ruft nicht mehr den Beifall einzelner auf, – sie appelliert an die Massen mit der Logik der Tatsachen bald geschickt, bald gelehrt, bald fanatisch, immer jedoch mit der gewinnenden Aufrichtigkeit der Überzeugung. Sie hat zahlreichen Anhang gefunden unter den Männern jener Wissenschaften, welche es nur mit den Stoffen zu tun haben. Über diese herrscht sie jetzt mit unumschränkter Gewalt, so dass von meiner Seite eine Art von Mut dazu gehört, ihre Berechtigung zu solcher Herrschaft in Zweifel zu ziehen. Als vorübergehender Ausdruck einer auf Abwege geratenen Denkweise würde der Materialismus kaum eine ernste Beachtung verdienen. Er könnte uns selbst entschuldigbar erscheinen als überstürzte Reaktion gegen die im Anfange dieses Jahrhunderts allmächtige Naturphilosophie, wo alles Denken, alles Forschen der Wissenschaften in purem Geiste aufgehen zu wollen schien. Er erfasste das Szepter, welches den Idealisten aus den Händen glitt, und fand, da er nur auf Tatsachen sein System aufzubauen versicherte, umso mehr Teilnahme, Einfluss und Verbreitung, als die im Idealismus fast bis zur Erschöpfung ihrer Kräfte angestrengte Philosophie eine bis zur Geringschätzung gesunkene Indifferenz gegen alles metaphysische Denken zurückgelassen hat. Fasse ich, zum Schlusse eilend, das Gesagte zusammen, so kann ich mir nicht erklären, welche wissenschaftlichen Gründe das Wiederaufleben der alten, materialistischen Weltanschauung des Epikur und Lucrez in Schutz nehmen oder rechtfertigen und ihr eine allgemeine oder bleibende Herrschaft zusichern sollen. Beobachtung und Erfahrung sprechen heute nicht mehr als damals zu ihren Gunsten, und die mit Recht so gepriesene, exakte Methode der Naturwissenschaften hat nichts gebracht, ihre Haltbarkeit zu vermehren. Sie ist, was sie damals war, eine Ansicht, keine cognita certa ex principiis certis, wie der römische Redner die Wissenschaft definiert. Ihre Erfolge beruhen nicht auf der Klarheit und Unangreifbarkeit ihrer Argumente, sondern auf der Kühnheit ihres Auftretens und in dem herrschenden Geiste der Zeit, welcher Lehren dieser Art umso lieber popularisiert, je gefährlicher sie der bestehenden Ordnung der Dinge zu werden versprechen. Zu einem bleibenden Sieg des Wissens hat es der erdgebundene Titan des Materialismus nicht gebracht, und er wird es auch nicht bringen, solange die ernste Wissenschaft sich nicht selbst aufgibt, und sie, deren Stärke und Macht auf Grund und Boden sichergestellter und wohlverstandener Tatsachen beruht, nicht dem Götzen der Meinung opfert und ihre eigene Sache für verloren hält.“ 

Daten

* 07.12.1810 in Eisenstadt
† 17.07.1894 in Perchtoldsdorf

Arzt, Anatom


Verwendete Literatur

  • Sailer, Leopold: Josef Hyrtl. In: Burgenländische Heimatblätter. 5. Jahrgang, Heft 4. Eisenstadt 1936.