Die Sozialdemokraten

Die Anfänge der westungarisch-burgenländischen Arbeiterbewegung reichen in das 19. Jahrhundert zurück (siehe Anfänge der Arbeiterbewegung). Auch im Kampf um den Anschluss an Österreich waren Arbeiterführer wie etwa Hans Suchard aus Mattersburg beteiligt. Sie mussten zwangsläufig auch in der Räterepublik Béla Kuns mitarbeiten und bekleideten, wie etwa Ludwig Leser, wichtige Funktionen. Allerdings setzte auch schon früh die Kritik an der Räteregierung ein. In der Zeit des weißen Terrors nach der Gegenrevolution (siehe Horthy-Regime) mussten einige Arbeiterführer nach Österreich fliehen, auch weil sie für den Anschluss an Österreich eintraten. Sozialdemokraten wie Ludwig Leser, Ignaz Till und Ernst Hoffenreich waren auch im Ödenburger Heimatdienst tätig, der im Vorfeld der Ödenburger Volksabstimmung wirkte.

Die Sozialdemokraten waren auf die endgültige Landnahme durch Österreich gut vorbereitet. Schon am 09.01.1921 wurde auf einem Parteitag in Wr. Neustadt eine eigene burgenländische sozialdemokratische Landespartei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei für das Burgenland, gegründet. Die Parteigründung wurde von den niederösterreichischen Sozialdemokraten, besonders von Josef Pichler, dem Kommandanten der Wr. Neustädter Arbeiterwehr, und von Oskar Helmer besonders unterstützt. Daran beteiligt war Johann Fiala, der im August 1919 nach Österreich geflüchtet war und in Wr. Neustadt Arbeit bekommen hatte. Um ihn sammelten andere wie Adolf Berczeller, Johann Hareter, Hans Suchard, Johann Stockinger, Anton Probst und Stefan Springschitz. Sitz der neuen Landespartei war zunächst das Arbeiterheim in Wr. Neustadt. An die Spitze der Partei trat Fiala, die wichtigere Rollen spielten aber schon bald jüngere Persönlichkeiten wie Hans Suchard, Ignaz Till und Alois Mosler, der Sekretär der Bauarbeitergewerkschaft in Wr. Neustadt, vor allem aber die etwas später hinzugekommenen Ludwig Leser und Ernst Hoffenreich.

Die ersten Wahlen im neuen Bundesland Burgenland fanden am 18.06.1922 statt. Es waren dies gleichzeitig Landtags- und Nationalratswahlen. Stärkste Partei wurde – zur allgemeinen Überraschung – die Sozialdemokratie, die 38,5 % der Stimmen erhielt. Die Sozialdemokraten bekamen 13 Mandate. Es folgten die Christlichsozialen mit 10 Mandaten, der Bauernbund mit 06 und die Großdeutsche Volkspartei mit 04 Mandaten. Alle drei hatten sich weit mehr Stimmen erhofft. (Landespolitik von 1922 bis 1927, dort auch genaue Wahlergebnisse).

An diesem Wahlergebnis war interessant, dass die Zahl der Wähler der Sozialdemokratie die der Arbeiter in der Industrie weit überstieg. Die Sozialdemokraten hatten ihre größten Erfolge in den Wanderarbeitergemeinden des Nordburgenlandes, wo offenbar auch eine beträchtliche Zahl von Kleinbauern sozialdemokratisch wählte. Dieses Phänomen hatte sogar Rückwirkungen auf die Bundespolitik: Die Sozialdemokraten schenkten nun den Landarbeitern und Kleinbauern österreichweit größere Aufmerksamkeit. In Pinkafeld hingegen, einer der wenigen Orte mit Industrie, erzielten die Christlichsozialen eine starke Mehrheit. Die dortigen "Fabriksarbeiter" sahen sich in der handwerklichen Tradition des Ortes. Die Juden des Burgenlandes wählten nahezu ausschließlich sozialdemokratisch.

Die Schwerpunkte der Sozialdemokraten lagen im Nordburgenland und in den nördlichen Gemeinden des Mittelburgenlandes. Im Südburgenland hatte der mit steirischer Unterstützung aufgebaute Burgenländische Bauernbund (Landbund) seine stärksten Positionen.

Die Sozialdemokraten waren zwar mit 13 Landtagsmandaten die stärkste Partei, aber die drei anderen Landtagsfraktionen konnten mit zusammen 20 Sitzen einen sozialistischen Landeshauptmann verhindern. Schon nach der ersten Wahl ging es also wie später in der gesamten Zwischenkriegszeit um die Frage, ob es gelingen würde, eine "bürgerliche" Koalition zu verhindern. Es bestand für die Sozialdemokraten die Gefahr eines "Bürgerblocks", den die Christlichsozialen tatsächlich anstrebten. Diese Gefahr hatte Leser schon früh erkannt und ein gutes Verhältnis zu den Großdeutschen aufgebaut. Dabei kam ihm zugute, dass er selbst ja sehr deutschnational eingestellt war. Die deutsch-freiheitlichen Parteien, die Großdeutschen und der Bauernbund, sahen ihrerseits ihren Hauptgegner in den "klerikalen" Christlichsozialen. Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten waren vor allem durch die Schulfrage und die Zivilehe gegeben. Alle Parteien mit Ausnahme der Christlichsozialen wollten das konfessionelle Schulwesen abschaffen und die in Ungarn bereits eingeführte Zivilehe beibehalten. Die antiklerikal-liberalen Gruppierungen hatten dabei allerdings ein großes Problem: ihre Bundesparteileitungen, die einen anderen Kurs steuerten. Die Regierungsbildung am 19.07.1922 war ein Kompromiss: Es wurde eine Konzentrationsregierung. Die Sozialdemokraten verzichteten auf den Landeshauptmann, bestanden aber auf einem parteiunabhängigen Bundesbeamten als Landeshauptmann. Ein Regierungsmandat überließen sie den Großdeutschen, ein taktisch kluger Schritt, wie sich bald zeigen sollte. Die Lösung, die man nach zähen Verhandlungen schließlich fand, war folgende: Landeshauptmann wurde Alfred Rausnitz, ein parteiunabhängiger Beamter und bisher schon Landesverwalter. Leser wurde Landeshauptmann-Stellvertreter. Zweiter Landeshauptmann-Stellvertreter wurde Stesgal von den Christlichsozialen. Die Sozialdemokraten verzichteten zugunsten des Großdeutschen Dr. Alfred Walheim auf einen Regierungssitz. Zweites sozialdemokratisches Regierungsmitglied neben Leser wurde Dr. Karl Ernst Hoffenreich. Weitere Landesräte waren der Christlichsoziale Alfred Ratz aus Rust und der Bauernbündler Gustav Walter. Die Sozialdemokraten hatten nun im Landtag zusammen mit den vier Großdeutschen eine Mehrheit.

Mosler und Hoffenreich wurden von Renner in die burgenländische Parteispitze eingesetzt. Das war eine Folge des Misstrauens, das die Bundespartei gegenüber der burgenländischen Partei und ihrer Funktionäre, die in der Rätezeit aktiv waren, hegte. Man befürchtete in Wien linksradikale Tendenzen. Diese Bevormundung durch Wien setzte sich auch in den folgenden Jahren fort und führte zu erheblichen Spannungen in der Partei. Erst 1924 wurden in einem heftigen Machtkampf die Nichtburgenländer ausgebootet.

Schon in der ersten Landtagssitzung erfolgte ein Angriff auf die konfessionellen Schulen. Großdeutsche und Bauernbündler stellten den Antrag auf Abänderung der Schulgesetze nach österreichischem Vorbild. Von den 388 Volksschulen waren 318 konfessionell, also in der Hand der örtlichen Schulstühle unter Vorsitz des Pfarrers. Das von Walheim eingebrachte neue Schulgesetz sah die Einführung von Ortsschulräten vor, die aus gewählten Vertretern bestehen sollten. Die Pfarrer sollten nicht mehr vertreten sein. Die Christlichsozialen wehrten sich dagegen, wurden aber überstimmt. Das Bundesministerium für Inneres und Unterricht aber wies das Gesetz wegen "formaler Mängel" zurück. Nach einem Beharrungsbeschluss des Landtages verweigerte der Nationalrat die Zustimmung. Lediglich ein neues Schulpflichtgesetz konnte im Juli 1923 durchgesetzt werden. Es verlängerte die Schulzeit von 06 auf 08 Jahre, wie im übrigen Österreich üblich.

1923 geriet Rausnitz immer mehr in christlichsoziales Fahrwasser und bemühte sich um eine "bürgerliche Koalition". Er wurde daher im Sommer 1923 gestürzt. In einer vertraulichen Besprechung zwischen Leser, Walheim und Viktor Voit vom Burgenländischen Landbund (früher Bauernbund) wurde der Sturz von Rausnitz beschlossen, wobei man dessen Haltung in der Landeshauptstadtfrage (er setzte sich für die Wr. Neustädter Militärakademie als Sitz der Landesregierung ein) und die Piringsdorfer Lynchaffäre als Vorwand dienten. Rausnitz hatte sich hinter den Bezirkshauptmann gestellt, dem man die Mitschuld am bewaffneten Auftreten eines Esterházy-Försters gab. Dieser hatte einen Piringsdorfer Bauern erschossen und war deshalb von der Ortsbevölkerung gelyncht worden. Am 14.07.1923 trat Rausnitz zurück und noch am selben Tag kam es zur Neuwahl. Im zweiten Wahlgang wurde Dr. Alfred Walheim gegen die Stimmen der Christlichsozialen zum neuen Landeshauptmann gewählt. Seine Stelle als Landesrat wurde von Ignaz Till besetzt. Das Jahr 1923 war durch einen sehr scharfen Wahlkampf geprägt. Zuerst fanden Gemeinderatswahlen, dann Landtags- und Nationalratswahlen statt. Die Sozialdemokraten mussten in der Landtagswahl einen Verlust von 3000 Stimmen hinnehmen, die Christlichsozialen gewannen 5000 Stimmen dazu. Die Christlichsozialen erhielten 13, die Sozialdemokraten 12 und der Bauernbund nur 07 Mandate. Man führte die Verluste auf die "Wahlmüdigkeit" und auf das Stimmverhalten der Frauen, die durch die "Wahlagitation, die auf der Kanzel getrieben wurde" zurück. Der Verband der Großdeutschen und des Landbundes verlor 80 % der Stimmen und bekam kein Mandat. Es wurde lange Zeit über die Funktion des Landtagspräsidenten und über die Zusammensetzung der Regierung gestritten. Den Christlichsozialen gelang es auch diesmal nicht, den Bauernbund zu gewinnen. Erst am 27.12.1923 gelang in einer vertraulichen Sitzung in Wien, ein schwarz-rotes Koalitionsabkommen zu schließen. Dagegen gab es starken Widerstand in den Reihen der Sozialdemokraten. Eine radikale Gruppe trat – unterstützt von Otto Bauer – für die Opposition ein. Leser aber wollte nicht "in der Opposition verhungern". Neuer Landtagspräsident wurde Hans Morawitz, neuer Landeshauptmann der Christlichsoziale Josef Rauhofer. Dieser hatte sich zuvor von seiner Partei getrennt, war aber gegen den Willen Pfarrer Gangls und Michael Kochs von Pfarrer Thullner in die Christlichsoziale Partei zurückgebracht worden. Leser und Stesgal wurden Landeshauptmann-Stellvertreter, Till und Hoffenreich sozialdemokratische, Koch und Burgmann christlichsoziale Landesräte. Viktor Voit vom Bauernbund erhielt ebenfalls einen Regierungssitz, allerdings ohne Kompetenzen. Im Koalitionsabkommen wurde die Vermeidung der umstrittenen Themen vereinbart. Aber schon im Frühjahr 1924 kam es in der Schulfrage erneut zum Konflikt. Das Mandat der alten Schulstühle lief aus. Die Sozialdemokraten argumentierten, dass die Schulen, wenn sie von den Gemeinden ohne Glaubensunterschied unterhalten wurden und das Land den Großteil der Schulkosten trug, nicht mehr als konfessionelle Schulen zu gelten hätten. Sie könnten in staatliche Anstalten umgewandelt werden. Die Christlichsozialen hingegen vertraten die Auffassung, dass Schulumwandlungen nur durch die Kultusgemeinden erfolgen könnten. Die Sozialdemokraten gaben schließlich nach und gestanden den Pfarrern auch weiterhin einen Sitz in den Schulstühlen zu, die Kirchen gestatteten allgemeine Wahlen zu den Ortsschulräten

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Verwendete Literatur