Die Esterházy: Herkunft und Aufstieg
Keine andere Magnatenfamilie hat die Geschichte des westungarisch-burgenländischen Raumes so sehr geprägt wie die Esterházy. Nahezu das gesamte nördliche und mittlere Burgenland unterstand ihrer Grundherrschaft. Bis zum heutigen Tag hat die Familie riesige Grundbesitzungen. Die Familie war bis in das 16. Jahrhundert unbedeutend und gehörte keineswegs zum ungarischen Hochadel. Im Spätmittelalter waren sie allenfalls Mitglieder des ungarischen Komitatsadels.
Nach László Berényi wussten die Esterházy über ihre eigene Herkunft und Abstammung nichts. Der Aufstieg der Familie machte es dann aber zu Beginn des 17. Jahrhunderts erforderlich, einen entsprechenden „Stammbaum“ zu schaffen. Diese Aufgabe übernahm der bosnische Titularbischof und Propst von Pressburg, Thomas Balásffy. Er erfand eine lange Reihe von Vorfahren – ein Verfahren, das damals keineswegs selten war. Wichtig war, dass derartige Genealogien vom Herrscher anerkannt wurden. Später wurde dieser „Stammbaum“ noch erweitert, natürlich bis Adam zurück.
Fürst Paul I. Esterházy ließ 1700 in Wien eine Prunkschrift über die Abstammung der Familie drucken, das „Trophaeum Nobilissimae ac Antiquissimae Domus Estorasianae“. In ihr wurde die Herkunft in direkter und ununterbrochener Linie vom Hunnenfürsten Attila abgeleitet. Die Schrift wurde wahrscheinlich von Pauls Sekretären verfasst. Angezweifelt wurde die Abstammungslegende vom Archivar der königlich ungarischen Kammer, Ádám de Rajcsányi, der bei seinen Nachforschungen über die Illésházy auf die Sippe Salamon stieß – die gemeinsamen Vorfahren von Esterházy und Illésházy. Er meinte, das Sippenoberhaupt habe sich zur Zeit der Landnahme auf der Großen Schütt niedergelassen und sie aufgrund „bewaffneter Besitzergreifung“ erworben. Dies bleibt eine Spekulation, denn es gibt keine Quelle, die dies beweisen könnte.
Den biblischen Namen Salamon haben sie wahrscheinlich erst im Verlauf der Christianisierung angenommen. In der Öffentlichkeit bekannt wurde diese tatsächliche Abstammung der Esterházy erst durch die hervorragenden Forschungen des Grafen János Esterházy aus einer Seitenlinie. Etwa zur gleichen Zeit erschienen auch die Forschungen des Moritz Wertner über die Herrensippen Ungarns. Diskutiert wird auch, ob die Bewohner der Schütt Magyaren oder „Kumanen“ bzw. mit den Kumanen häufig verwechselte Petschenegen waren. In der Chronik des Anonymus heißt es, dass der Sohn des Kumanenhäuptlings Ketel die Burg Komorn baute; Kumanen wären „oberhalb des Mosoner (Wieselburger) Sumpfgebietes“ angesiedelt worden. Auch der bedeutende Mittelalterforscher Györffy vertrat die Meinung, dass zur Zeit des Fürsten Taksony der Petschenegen-Häuptling Tonuzoba sein Volk im Bereich der Schütt und des Leithaunterlaufes angesiedelt habe. Urkundlich erstmals erwähnt wird ein Mocud aus der Sippe Salamon aber erst viel später, 1186, in einer von Béla III. ausgestellten Urkunde. Die meisten Angehörigen der Sippe trugen die Herkunftsbezeichnung de Watha. Eine der Hauptlinien des Geschlechts hatte ihr Zentrum in Salamon und in Salamon-Watha. Weiteren Besitz hatten sie im Komitat Veszprém, in einem Ort Salamon.
1239 bestätigte König Béla IV. mehreren Angehörigen der Salamon ihren Besitz gegenüber Ansprüchen der Burgmannen von Pressburg. Die Salamon konnten vermutlich keine Urkunden vorweisen. Auf Anordnung des Königs wurde der Streit durch einen Zweikampf zu ihren Gunsten entschieden. Ein Kloster als Familienbegräbnisstätte gab es nicht, vermutlich erfüllte die Peterskirche bei Zerháza diese Funktion. Individuellen Eigenbesitz hatten Angehörige der Salamon-Sippe auch an vielen anderen Orten erworben, im Wieselburger Komitat etwa in Kimle, Straßsommerein und Gols, im Ödenburger Komitat in Oggau und Schützen.
Der Name „Esterházy“ ist von einem Zerh, Gründer der Siedlung Zerháza, abzuleiten. In einer 1475 von König Sigismund ausgestellten Urkunde wird für einen Blasius erstmals die Bezeichnung Esterházy verwendet: „Blasio dicto Zyrhaz de Salamonwatha“.
In den Kämpfen nach dem Aussterben der Árpáden gehörten die Salamon vermutlich zu den Anhängern der Güssinger. Im 14. Jahrhundert wuchs die Zahl der erbberechtigten Sippenmitglieder stark an. Die häufigen Teilungen machten die Besitzanteile immer kleiner und es kam immer öfter zu Streitigkeiten und unzähligen Prozessen. 1407 und 1411 brachen bewaffnete Auseinandersetzungen aus. Ein Blasius wurde wegen gewaltsamer Übergriffe sogar zum Tode verurteilt, jedoch vom König begnadigt. Erst sein Sohn bekam einen Teil seines enteigneten Besitzes wieder zurück. Die Streitigkeiten und Prozesse gingen jedoch weiter und zogen sich über mehrere Generationen hin. Erst Matthias Corvinus beendete nach neuerlichen gewaltsamen Überfällen den Streit mit einer Verurteilung des László aus der Linie der Zerház.
Lászlós Sohn Martin hatte nicht nur die Last der alten Prozesse zu tragen; durch eine Vertragsfälschung setzte er sich zusätzlich ins Unrecht. Er wurde wegen Untreue zum Tode verurteilt. Dank einer Amnestie blieb er am Leben, sein gesamter Besitz fiel an den Bischof von Neutra. Er verlor auch das Erbrecht auf die damals frei werdenden Güter der Sippe. Sein Sohn Benedikt blieb durch einen königlichen Gnadenakt im Besitz der Kurie von Zerháza mit einem dazugehörenden Meierhof. Benedikt schloss 1527 die Ehe mit Ilona Bessenyey de Galánta, ließ sich auf deren Erbgut nieder und verkaufte bald darauf seinen Anteil an Zerház an die Illésházy. Sein Sohn Franz legte dann den Grundstein für den Aufstieg der Esterházy.
Weit bedeutender waren zunächst die Illésházy, die den Aufstieg früher schafften. Sie, die Pálffy und die Esterházy waren Teil eines Familienverbandes, dessen Angehörige eng miteinander verschwägert und verwandt waren. Sie heirateten untereinander, machten miteinander Geschäfte, waren mitunter aber auch zerstritten. Stefan Illésházy etwa war in erster Ehe mit Anna Erdődy, in zweiter Ehe mit Katharina Pálffy verheiratet.
Die politischen Veränderungen in Ungarn – so schlimm wie sie für das ganze Land waren – kamen den Kleinadeligen des Komitates zugute. Die Dreiteilung Ungarns, der Verlust der Hauptstadt Ofen an die Türken und die Verlegung der Hauptstadtfunktionen nach Pressburg, die Nähe zum Wiener Hof sowie die Verlegung des kirchlichen Zentrums von Gran nach Tyrnau schufen neue Betätigungsfelder und Aufstiegsmöglichkeiten.
Als Erste schafften die Pálffy den Aufstieg; Nikolaus Pálffy wurde am Wiener Hof Maximilians II. gemeinsam mit dem Erzherzog Rudolf erzogen. Er bekleidete verschiedene Hofämter und erhielt den Baronstitel, wurde damit in die Magnatentafel aufgenommen. 1583 heiratete er Maria Fugger. Er wurde Gespan des Komitates Pressburg und bekleidete weitere ungarische Hofämter. Auch Stefan Illésházy gelang der Aufstieg zum Baron und Magnaten. Auch seine Karriere wurde durch eine vorteilhafte Hochzeit gestützt. Er heiratete die Witwe des Johannes Krusics und übernahm die Güter und Ämter dieser Familie. 1601 wurde der Protestant Illésházy aber wegen Hochverrates zum Tode verurteilt. Er konnte nach Polen fliehen und kehrte während des Bocskai-Aufstandes zurück. Der Landtag wählte ihn nach dem Wiener Frieden zum Palatin.
Franz Esterházy war der Sohn des Benedikt Szerházy und der Ilona Bessenyey von Galánta. Um 1565 heiratete er Sophie, die Tochter des Thomas Illésházy. Er stand als „familiaris“ im Dienst des Anton Verancsics, Erzbischof von Gran. Das trug sicherlich dazu bei, dass er Vizegespan von Pressburg wurde, unter der Obergespanschaft des Nikolaus Pálffy. Als Vizegespan war er außerordentlich tüchtig, bewährte sich in Verwaltung und Rechtsprechung, aber auch bei organisatorischen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Türkenkrieg. Franz war anscheinend gebildet, hatte eine flüssige Handschrift und schickte seine Söhne in Schulen, Nikolaus etwa in das Jesuitenkolleg zu Sellye. Stephan, Sohn des Franz Esterházy, wurde vom Obergespan Pálffy besonders gefördert. Stephan fiel in der Schlacht von Mezőkeresztes.
Am 8. April 1583 wurde Nikolaus Esterházy geboren, der die ersten entscheidenden Schritte zum Aufstieg der Esterházy tat – durch eine reiche Heirat und durch den Übertritt zum Katholizismus. Auch seine verwandtschaftlichen Beziehungen waren wichtig. Sein Onkel Stefan Illésházy war maßgebend am Wiener Frieden von 1606 beteiligt und hielt Bocskai davon ab, ein Fürstentum Ungarn von des Sultans Gnaden zu bilden. Der entschiedene Protestant Illésházy förderte seinen Neffen Nikolaus Esterházy trotz dessen Übertritt zum Katholizismus. Als Illésházy ins polnische Exil gehen musste, wurde er von den Söhnen und Töchtern Franz Esterházys mit Lebensmitteln versorgt. Von 1606 an wohnten Nikolaus und dessen Brüder Wolfgang, Gabriel, Daniel und Paul am Hof Illésházys, der noch vor seinem Tod für eine entsprechende Karriere der Esterházy sorgte. Unter anderem vermittelte er Nikolaus an den Hof des Franz Mágóchy, Feldoberst von Oberungarn. Paul kam an den fürstlichen Hof des Gabriel Báthory in Siebenbürgen.
Die große Chance eröffnete sich für Nikolaus Esterházy mit dem frühen Ableben Mágóchys 1611. Seine junge Witwe Ursula Dersffy heiratete am 22. November 1612 den jungen Esterházy. Sie brachte ein riesiges Vermögen in die Ehe. Am 10. April 1613, am Pressburger Reichstag, wurde Nikolaus in den Baronen- oder Magnatenstand erhoben. Der weitere Aufstieg war höchst bemerkenswert und zeigt deutlich, dass der junge Katholik in Wien großes Vertrauen genoss. 1618 wurde er königlicher Ratgeber und Oberstlandeswürdenträger. 1617 war er Obergespan von Bereg, 1618 von Altsohl. 1622, am Reichstag in Ödenburg, wurde er Kämmerer Ferdinands II. und Oberstlandesrichter. 1626 erhielt er den Grafentitel – als „Erzgraf von Forchtenstein“. Der Grafentitel war nach deutschem Muster erst im 17. Jahrhundert in Ungarn eingeführt worden. Der krönende Abschluss seiner Karriere war die Wahl zum Palatin 1625. 1628 wurde er Ritter vom Goldenen Vlies. 1626 erhielt er auch die Obergespanschaft des Komitates Ödenburg.
Eine lange Reihe von Herrschaften wurde erworben. Aus dem Dersffy-Mágóchy-Erbe stammten etwa die Herrschaften Landsee-Lackenbach, Munkács und Altsohl. In Westungarn kam 1626 Forchtenstein hinzu, die er schon seit 1622 in Pfand hatte. Die Herrschaft Eisenstadt war ebenfalls seit 1622 an ihn verpfändet, 1647 konnte er sie kaufen. Die zweite Heirat mit Christine Nyáry im Jahre 1624, ebenfalls eine wohlhabende Witwe (ihr erster Mann war der Sohn des Palatins Georg Thurzó), brachte weitere Herrschaften ein. Nachfolger des Nikolaus Esterházy wurde sein Sohn Ladislaus.
Vorteilhafte Ehen und die Anlehnung an das katholische Herrscherhaus sollten auch weiterhin den Erfolg der Familie begründen.

