Die Rolle der Kirchen in der Anschlussfrage

Das Dilemma vieler Menschen in Deutschwestungarn war, dass sie nun zwischen die Mühlsteine nicht nur der Außen-, sondern auch der Innenpolitik sowohl Deutschösterreichs wie auch Ungarns gerieten. Angesichts der schlimmen Erlebnisse der Räterepublik konnten nun die christlich-konservativen Anschlussfeinde wirkungsvoll gegen Österreich, das noch dazu die Kommunisten Kuns unterstützt hatte, argumentieren. Ein typisches Beispiel dafür war jener Géza Zsombor, der in Ödenburg zum Gouverneur des autonomen Deutschwestungarn gemacht worden war. Wie ernst es ihm mit der Gleichberechtigung der Deutschen war, hatte er schon lange vor der Räteregierung bewiesen, als er Friedrich Gottschalk, den mutigen Chefredakteur des „Weckrufes“, wegen Hochverrates anklagen ließ – aufgrund eines Pressegesetzes, das „Aufreizung zum Hass“ untersagte, tatsächlich aber als „Gummiparagraph“ zur Ausschaltung politischer Gegner benutzt wurde. Gottschalk wurde freigesprochen, seine hervorragende Zeitung aber von den „Räten“ eingestellt. Zsombors „Grenzpost“ allerdings biederte sich sofort den „Räten“ an. Als dem „Gouverneur“ der Boden aber doch zu heiß wurde, brachte er sich nach Österreich in Sicherheit. Nun, nach dem Sturz der „Räte“, kehrte er zurück und agitierte heftigst gegen Österreich. Den Österreichern warf er vor, dass sie die Westungarn während der Rätezeit im Stich gelassen hätten ...

Das war tatsächlich ein Argument, das Eindruck machte. Am 18.10.1919 berichtete Baron Wieser aus Ödenburg und Steinamanger ebenfalls von einer Stimmung im Lande, die nicht sehr österreichfreundlich war. Baron Wieser war Monarchist und seine Beobachtungen waren zum Teil auch Wunschdenken, aber er hatte wohl nicht ganz unrecht: „Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zeige jetzt, nach Beseitigung des Bolschewismus, keine Neigung zur Abtrennung von Ungarn. In ihrer konservativen Gesinnung ziehen sie es vor, bei Ungarn zu bleiben, das demnächst Monarchie mit geregelten Verhältnissen sein und sich wirtschaftlich rasch erholen werde, statt zu Österreich zu kommen, das in der Anarchie stecke, stets an der Grenze der Räteregierung herumtaumle und wirtschaftlich einer ganz unbestimmten Zukunft entgegengehe.“

Ungarn war nunmehr wieder „bürgerlich“, man hoffte und versprach Recht, Ordnung und Wohlstand. Österreich aber war „rot“, war arm und ausgehungert; dorthin waren die verhassten Räte geflohen, dort drohte jene „Diktatur des Proletariats“, die man soeben überwunden hatte und die man keinesfalls mehr erleben wollte. Ungarn aber war nunmehr wieder „christlich“.

Die Kirchen stellten sich nahezu bedingungslos in den Dienst der Anschlussfeinde, bis hinauf zu den beiden katholischen Bischöfen. Vor allem der Bischof von Raab, Fetser, war ein heftiger Gegner des Anschlusses. Unermüdliche Propagandisten für einen Verbleib bei Ungarn waren der katholische Pfarrer von Neusiedl und spätere Ödenburger Domherr Dr. Johannes Huber, ein gebürtiger Donnerskirchener, und der evangelische Pfarrer von Agendorf und frühere Abgeordnete im Budapester Reichstag, Edmund Scholz. Sie redeten und schrieben gegen Österreich und unternahmen Propagandareisen nach Deutschland, um die Stimmung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Nahezu die gesamte Geistlichkeit, ob katholisch oder evangelisch, war für Ungarn. Die wenigen, die – wie der Kaplan Stehlik – für Österreich eintraten, hatten kein leichtes Leben. Auf evangelischer Seite war der Pfarrer von Harkau, Michael Ferdinand Bothar, ein deutschbewusster Anschlussfreund. Er wurde verfolgt und verlor seine Pfarrstelle. Später wurde er Pfarrer in Stadtschlaining. Natürlich war der Einfluss der Geistlichkeit in den Dörfern groß, dies umso mehr, als die Großdeutschen und Sozialdemokraten, die für den Anschluss waren, auf der Flucht oder im Kerker waren. Viele der christlich-konservativen Anschlussgegner erkannten die Gefahr nicht, die von den ungarischen Nationalisten ausging. Sie sollten sie erst später kennenlernen, als der würdige Prälat Huber auf offener Straße von Studenten geschlagen wurde und Scholz die Vertreibung seiner Agendorfer miterleben musste. Noch ließen sie sich von den Versprechungen der Horthy-Regierung blenden – die sich, wenn es unbedingt sein musste, auch deutschfreundlich gab.

Obwohl die deutsch-freiheitlichen Kräfte um Walheim, Wollinger und Wolf immer mehr auch im Lande Unterstützung fanden, waren die stärkste politische Kraft in Westungarn noch immer die „Christlichsozialen“, zumal sie sich die Autonomieforderungen zu eigen gemacht hatten. Sie konnten auf die Kirchen setzen und auf die Autorität vieler Pfarrer. Sie verfügten auch über zwei sehr verbreitete Zeitungen: im Ödenburger Komitat über das „Christliche Ödenburger Tagblatt“, im Eisenburger Komitat über das Wochenblatt „Westungarn“, das von Albert Lingauer, vorübergehend auch Chefredakteur der „Oberwarter Sonntagszeitung“, herausgegeben wurde.

Die „Christlichsozialen“ waren keine Partei des Volkes. Sie bestanden aus „Honoratioren“ oder aus Personen, die sich dafür hielten. Einfluss auf die Menschen hatten sie vor allem über die Pfarrer und die beiden Zeitungen. Schon in den 1890er-Jahren des vorigen Jahrhunderts waren sie als „Katholische Volkspartei“ gegen die Liberalen aufgetreten. Treibende Kraft wurde der Ödenburger Prälat Gießwein, um den sich schon einige der Priester sammelten, die später im Anschlussgeschehen eine wichtige Rolle spielen sollten, etwa Pfarrer Thullner. Später nannten sie sich „Christlicher Bauernbund“, „Christlichsoziale Wirtschaftspartei“, „Christlich-Soziale Partei“ ... sie entsandten zahlreiche Abgeordnete in das Budapester Parlament und arbeiteten dort – obwohl sie selbst monarchistisch waren – durchaus auch mit den magyarisch-nationalistischen Kleinlandwirten zusammen. Führende Persönlichkeiten waren neben Huber und Scholz die Grafen Sigray, Ambrózy-Migazzi, Kuno von Klebelsberg, Franz Thomas, Pfarrer von St. Michael, der Priester Johann Sabel, der schon erwähnte Lingauer, Mathes Nitsch aus Zurndorf und nicht zuletzt, als Generalsekretär, der Ödenburger Stadtkaplan Michael Gangl (der später auf die proösterreichische Seite wechselte).

Die Ziele der Christlichsozialen formulierte das Ödenburger Tagblatt so: militantes Christentum, Antisemitismus, schärfster Kampf gegen den Marxismus, für das Deutschtum und für Ungarn. Als Gegner wurden gesehen: Juden, Bolschewisten, Freimaurer, Liberale und besonders die Deutschnationalen, die den Anschluss an Österreich wollten. Am heftigsten griff das Tagblatt immer wieder Dr. Walheim und Dr. Schuster an.

Im Frühjahr 1921 begannen die Christlichsozialen mit einer gewaltigen Kampagne gegen Österreich: Der Priester Johann Sabel erklärte bei einer Großkundgebung in Ödenburg: „... wenn wir auch deutsch sprechen, im Herzen waren und bleiben wir für ewig Ungarn“. Pfarrer Huber: „... der wirtschaftliche Ruin dieser Gebiete, sind sie einmal bei Österreich, wird unausbleiblich sein. ... Wien ist der Mittelpunkt des verworfensten kommunistischen Gesindels der Welt ...“ Huber verkündete, dass er aus verlässlicher Quelle wisse, das kommunistische Gesindel stünde in Wien und Wiener Neustadt bereit, um sich auf das reiche Westungarn zu werfen. Er fragt weiter: „Sollen wir unsere Schulen den roten Religionshassern zur Beute hinwerfen?“ Und er ruft zum Widerstand gegen den Anschluss auf. Diese Art der Propaganda blieb keineswegs ohne Folgen. Sie war die Spätfolge des Räteregimes und der Zusammenarbeit der österreichischen Sozialisten mit Räteungarn.

Was die ehrwürdigen Herren Grafen und Prälaten nicht begriffen: Ihre Zeit und ihre Vorstellung von Ungarn war längst abgelaufen. Der neue magyarische Nationalismus hatte keinen Platz mehr für ein „christlich-deutsches“ Westungarn. Andere Führertypen waren im Vormarsch. Auch manche hellsichtigen Christlichsozialen erkannten, dass der Anschluss an Österreich der bessere Weg war, darunter Dr. Alfred Ratz aus Rust. Schließlich wechselte der Großteil der jüngeren Generation die Seiten. Mit ihrem zähen Kampf gegen die Anschlussfreunde haben sie aber Mitschuld an der antiösterreichischen Stimmung, die zum Verlust Ödenburgs führte.

Aber auch die Wiener Christlichsozialen, die nunmehr die Regierung übernahmen, haben ihren wenig erfreulichen Beitrag geleistet, bis hin zu verbindlichen Zusagen an Horthy-Ungarn, auf Westungarn zu verzichten.

Die eigentlichen Verlierer in diesem bösen Spiel waren die Anschlussfreunde in Ödenburg und Umgebung. Sie bezahlten letztlich mit der Vertreibung aus ihrer Heimat.

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