Magyarisierung
Die Magyarisierungspolitik Ungarns ab 1867 war ein zentraler Bestandteil der ungarischen Nationalbewegung und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die ethnische und kulturelle Zusammensetzung in ganz Ungarn, insbesondere auch in der Region des heutigen Burgenlandes. Diese Politik zielte darauf ab, die ungarische Sprache und Kultur in den verschiedenen Teilen des Königreichs zu fördern und die nationale Identität zu stärken. Der Zeitraum zwischen dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867 und dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war daher für die deutschsprachige (Mehrheits-)Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes – in den damaligen Komitaten Wieselburg (Moson), Ödenburg (Sopron) und Eisenburg (Vas) – geprägt von einem beispiellosen staatlichen Bestreben zur kulturellen und sprachlichen Homogenisierung.
Nach dem Ausgleich von 1867 genoss Ungarn innerhalb der Doppelmonarchie eine fast vollständige innere Autonomie. Die ungarische liberale Elite unter Politikern wie Ferenc Deák und József Eötvös verfolgte zunächst noch einen moderaten Kurs. Doch mit der Ära von Kálmán Tisza (Ministerpräsident 1875–1890) radikalisierte sich der Nationalismus.
Die Ideologie basierte auf dem Konzept der „einheitlichen politischen ungarischen Nation“. Nach dieser Lesart konnten Bürger zwar unterschiedliche Muttersprachen haben, mussten jedoch kulturell und politisch vollständig im Ungartum aufgehen. Wer sich dieser Assimilation entzog, wurde als Hindernis für den staatlichen Fortschritt betrachtet.
Das Nationalitätengesetz von 1868 sah zwar weitgehende „persönliche" Freiheitsrechte vor, darunter auch das Recht auf die Muttersprache, zugleich wurde Ungarisch als die einzige „Staatssprache" erklärt. Es gab keine Anerkennung der Volksgruppen, nur individuelle Rechte. Noch dazu fehlte es an Durchführungsbestimmungen und was entscheidend war, am Willen der Beamtenschaft, dieses Gesetz auch tatsächlich zu befolgen. Das politische System Ungarns garantierte außerdem, dass der Großteil der Bevölkerung keinen Einfluss auf ihr Schicksal nehmen konnte. Der Staat war, so wie auch die Beamtenschaft, fest in der Hand des Adels, der seine Privilegien bis 1918 erfolgreich verteidigte. Die „Liberale Partei", die die Regierungen stellte, war die Partei der adeligen Großgrundbesitzer und ein „Zensuswahlrecht" ließ nur wenigen Bürgerlichen die Möglichkeit, zur Wahl zu gehen. Unterstützung fanden die führenden Adelscliquen im Kleinadel, die Anspruch auf die Beamtenposten erhob. Die höhere Beamtenschaft der Komitate und auch die Stuhlrichter entstammten noch immer größtenteils dem ungarischen Kleinadel, der diese nahezu wie ein Geburtsrecht in Anspruch nahm, auch wenn er natürlich die notwendigen Bildungsgängen Voraussetzungen nachweisen musste. Die Bevölkerung war durchaus bereit, sie als Autoritäten zu akzeptieren und sie leisteten zum Teil auch hervorragende Arbeit. Was aber in vielen Fällen zu Spannungen führte, war die Überheblichkeit, die „Herrenmentalität“ und auch die sprachliche Ignoranz vieler dieser Beamten.
1. Das Bildungswesen – zentrales Element
Die Schulen waren die wichtigsten Magyarisierungsinstrumente. Das Bildungswesen war der primäre Angriffspunkt. Die ungarische Regierung erkannte, dass die Loyalität zum Staat über die Sprache der Kinder gewonnen werden musste.
Zwischen 1879 und 1907 kam es daher zu einer ganzen Reihe von Gesetzen und Verordnungen, die die sprachlichen und kulturellen Rechte der Nationalitäten erheblich einschränkten, zum Teil sogar schwer verletzten. Das Volksschulgesetz von 1879 (Gesetzesartikel XVIII ) machte Ungarisch in allen Volksschulen obligatorisch – ein Eingriff in die Autonomie der konfessionellen Schulen. Schulen, die zuvor Deutsch oder Kroatisch unterrichteten, wurden gezwungen, ihre Lehrpläne zu ändern. Diese Maßnahme führte zu einer Reihe von Problemen für die deutschsprachige Bevölkerung, die oft nicht über die notwendigen Sprachkenntnisse verfügte, um dem Unterricht zu folgen.1883 folgte das Mittelschulgesetz: Gymnasien und Realschulen wurden unter staatliche Kontrolle gestellt. Lehramtskandidaten mussten ihre Staatsprüfung in ungarischer Sprache ablegen.
1907 wurde die Lex Apponyi erlassen. Alle Schüler mussten am Ende des 4. Schuljahres Ungarisch in Wort und Schrift perfekt beherrschen. Diese Gesetze (Art. XXVI und XXVII) markierten den radikalsten Einschnitt. Sie entzogen den Minderheitenschulen (oft konfessionell geführt) weitgehend die Autonomie. Lehrer wurden zu Staatsbeamten erklärt und mussten einen Treueid auf Ungarn leisten. Wenn der Lernerfolg im Ungarischen nicht ausreichte, konnte die Schule geschlossen werden. In den Gebieten des heutigen Burgenlandes führte dies dazu, dass Deutsch oft nur noch als reine „Erklärungssprache“ in den untersten Klassen geduldet wurde. Dies hatte katastrophale Auswirkungen auf das Bildungsniveau. Die Menschen in den Dörfern konnten nun weder Ungarisch noch beherrschten sie die deutsche oder kroatische Schriftsprache. Sie waren auf das Niveau von Analphabeten herabgesunken.
Zwischen 1880 und 1900 kam es so schließlich zu einem totalen Niedergang des Minderheiten-Schulwesens. 1910 kommen auf eine noch bestehende Volksschule mit Deutschunterricht 10.632 Einwohner. Von den in den 1860er Jahren bestehenden 18 Gymnasien und Realschulen gab es 1907 keine einzige mehr. Die Unterstützung durch den Staat wurde davon abhängig gemacht, dass mindestens fünf Fächer in ungarischer Sprache unterrichtet und die staatliche Kontrolle akzeptiert werden würde.
2. Die administrative Magyarisierung
Auch die Verwaltung wurde konsequent auf die ungarische Sprache umgestellt. Mit der sogenannten Lex Bánffy unter Ministerpräsident Dezső Bánffy (1895–1899) wurde die Magyarisierung „amtlich“. Eingaben bei Behörden wurden nur noch in ungarischer Sprache bearbeitet. Wer des Ungarischen nicht mächtig war, benötigte kostenpflichtige Dolmetscher oder war rechtlich faktisch handlungsunfähig. Die Einführung des Ungarischen als Verwaltungssprache schuf zusätzliche Hürden für die Bürger, die sich in ihrer eigenen Heimat nicht mehr verstanden fühlten. Mit dem Ortsnamengesetz von 1898 wurde die Verwendung ungarischer Ortsnamen obligatorisch. Deutsche Bezeichnungen wie Pinkafeld verschwanden aus dem offiziellen Gebrauch und wurden durch Pinkafő ersetzt. Dies sollte den Eindruck eines ethnisch homogenen Siedlungsgebiets erwecken.
Darüber hinaus setzte die ungarische Verwaltung ungarische bzw. ungarischsprechende Beamte in den Regionen ein, die für die lokale Verwaltung zuständig waren, wie eben die „Notäre“ – die eine ähnliche Funktion wie die heutigen Amtmänner ausübten. Dies führte zu einem Gefühl der Entfremdung unter den deutschsprachigen Bürgern, die oft nicht in der Lage waren, mit den Behörden zu kommunizieren.
3. Die Kirchen
„Sowohl die protestantischen Kirchen wie auch die Katholische Kirche wurden vom ungarischen Staat als Werkzeug der Magyarisierung nichtmagyarischer Bevölkerungsteile - vor allem der Slowaken und der Deutschen - eingesetzt". (zitiert nach Gottas, Friedrich: Gottas, Friedrich: Die Deutschen in Ungarn, S. 358). Im Kampf um den Anschluss Westungarns an Österreich nach dem Ersten Weltkrieg stand nahezu die gesamte Geistlichkeit auf Seiten der „Ungarnfreunde“. Vor den „Freischärlern" mussten vier Priester fliehen - Josef Bauer aus Horitschon, Johann Thullner aus Neusiedl am See, Johann Csukovics aus Zagersdorf, und Kaplan Ladislaus Stehlik aus Deutschkreutz. Insgesamt gab es von insgesamt 122 Klerikern im westungarischen Teil der Diözese Raab nur 8 - 10 Kleriker, die den Anschluss an Österreich befürworteten.
4. Die Magyarisierung der Namen (Névmagyarosítás)
Um die offiziellen Volkszählungsstatistiken zu beeinflussen, wurde die Änderung von Familiennamen massiv gefördert. Die „Zentralstelle für Namensmagyarisierung“ in Budapest bot einfache Verfahren an, um deutsche Namen zu „ungarisieren“. Besonders Lehrer, Offiziere und Beamte standen unter enormem Konformitätsdruck. Ein Verbleib im Staatsdienst war oft an die Annahme eines ungarischen Namens geknüpft. In vielen Fällen musste aber die Annahme eines magyarisierten Namens nicht unbedingt die Verleugnung des eigenen Volkstums und der Muttersprache bedeuten.
Fazit
Die Magyarisierung schuf eine tiefe Kluft innerhalb der ungarischen Gesellschaft. In Städten wie Ödenburg (Sopron) oder Güns (Kőszeg) passte sich das Bürgertum schnell an, auch um sich wirtschaftliche Vorteile zu sichern. Das Ungarische wurde zur Sprache des Prestiges und des sozialen Aufstiegs. In den bäuerlichen Gesellschaften der Dörfer blieb zwar die deutsche Mundart erhalten. Diese Menschen gerieten jedoch in eine Randposition. Die Alphabetisierung in der Muttersprache sank, während die Kenntnisse in der Staatssprache oft nur oberflächlich blieben, was zu einer „funktionalen Zweisprachigkeit“ auf niedrigem Niveau führte.
Die Magyarisierung kann aus der Sicht der Ungarn als Erfolg angesehen werden. 1880 betrug der Anteil der Deutschen 13,6 % (ohne Kroatien-Slawonien). 1910 nur mehr 10,4 %. In Westungarn (4 Komitate) sank der Anteil von 33,8 auf 27,6 %! 1910 hatte nur mehr das Komitat Wieselburg mit 60,7 % noch eine absolute deutsche Mehrheit und unter den Städten Ödenburg mit 53,5 %. In Budapest, wo 1848 noch drei Viertel der Einwohner deutsch sprachen, ging in den 30 Jahren zwischen 1880 und 1910 der Anteil der Deutschen von 34,2 auf 9,0 % zurück. Insgesamt dürften etwa zwei Millionen Deutsche zu Magyaren geworden sein.
